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Dienstag, 07. September 2010

Die Orgel im Kölner Dom - Konzept und Aufgabe

Hans-Wolfgang Theobald

Verfolgt man die bewegenden Berichte über das Domjubiläum zur 700-Jahrfeier von 1948, erkennt man die große Bedeutung dieses Festes. War es doch - heute fast vergessen - ein hoffnungsvolles Zeichen für einen Neubeginn der deutschen Geschichte nach dem Weltkrieg. Die gewagte und innovativ aufgestellte Domorgel gehört in diesen Kontext. So gelang es, trotz der immensen Materialknappheit dieser Zeit, ein beeindruckendes Werk zu schaffen, das - unabhängig von den damaligen Schwierigkeiten - auch heute noch Respekt abverlangt. Schon deshalb haben wir uns als Orgelbauer dem Denkmalwert dieses Instrumentes verpflichtet gefühlt. Der Erhalt der technischen und klingenden Substanz ist bedeutungsvoll.

Vor dem Domfest am 15. August 1948 war das Langhaus des Domes durch eine 45 m hohe Schildwand abgetrennt worden, um den restaurierten Ostteil des Domes nutzen zu können. Die vier Gewölbekappen im nördlichen Querhaus waren ebenfalls zerstört. Daher wurde eine provisorische Decke auf Höhe des Triforiums eingebracht.

Der damalige Dombaumeister Willy Weyres wählte für die neue Orgel- und Chorbühne mit der nord-östlichen Ecke der Vierung die Stelle für die Orgel, die für die damalige liturgische Situation – mit Blick auf Hochaltar und Chorgestühl - die optimale "Chororgel" ergab. Die akustischen Schwierigkeiten für den Gesamtraum wurden erst offenbar, als zum Katholikentag 1956 die Trennwand im Langhaus fiel und der gesamte Raum von dieser Stelle aus mit Klang erfüllt werden musste.

War 1948 eine Orgel mit 68 Registern (+2 Transmissionen) auf 3 Manualen ausreichend, wurde das Instrument nun um ein viertes Manual auf 86 Registern (+2 Transmissionen) erweitert. In der Folgezeit gab es einige Umstellungen/Ergänzungen von Registern. 1984 wurde der Spieltisch von 1956 um eine separate Setzeranlage erweitert.

Das technische Konzept von 1948 war innovativ für die damalige Zeit. Das System der elektro-pneumatischen Kegelladen, das Hans Klais von ca. 1920 bis 1960 im Prinzip unverändert gebaut hat, erlaubte die Realisierung einer großzügigen Anlage in der Tradition der spätromantischen Orgel. Von dieser ausgehend hatte Hans Klais durch Einflüsse der Bauhausarchitektur und der Orgelbewegung zu seinem Stil gefunden.

Hintereinander stehende Kegelladen, teils auf zwei Ebenen (16‘/8‘-Lade oben, 4‘-Lade unten), durch Stimmgänge strukturiert, hinter einer sprechenden Front ohne geschlossenes Gehäuse. Der Prospekt wurde zunächst anhand von Modellen experimentell, ganz auf die Architektur ausgerichtet, entworfen. Die klingenden Prospektpfeifen auf allen sichtbaren Seiten umhüllen das weitläufige Instrument, das frei im Raum auf der Empore steht. Das Schwellwerk mit seinem hohen Gehäuse bildet die Rückwand nach Norden hin, damit der Schall zum Langhaus und zum Querschiff reflektiert und gerichtet wird. Das Rückpositiv über der Ddorsalwand des Chorgestühls kann als zeittypisches Element gewürdigt werden, kunstvoll eingepasst zwischem gotischem Fries und Betonempore. Durch eine Schaltung im neuen Spieltisch ist es auch separat spielbar, da die Positivregister auf das III. Manual zu legen sind.

Die klassisch ausgerichtete Disposition weist Elemente der neobarock orientierten Orgelbewegung auf. Die Zusätze von 1956 kann man dagegen als Ergänzung einer Übergangszeit erkennen, in der sich neue Einflüsse manifestierten: Die neuen Laden wurden als elektrische Schleifladen gebaut mit den damals aufkommenden hochliegenden Aliquot-Registern - allerdings um den Preis der Aufgabe der einheitlichen technischen Struktur, die bis dahin die Orgel ausgezeichnet hatte.

Die Anlage des IV. Manuals als Hochdruck- und Solowerk, kombiniert aus der neuen Bombardlade und ausgewählten Aliquotregistern sowie den wahlweise auf I. oder IV registrierbaren Stimmen der Unterlade des Positiv, ergänzt durch das Röhrenglockenspiel und den Cymbelstern vereinigt wichtige Solofunktionen der Orgel, die ihre letzte Steigerung durch die Koppel von Pedal - IV erfährt.

Wie die große Orgel hat die Schwalbennestorgel hoch oben im Langhaus ebenfalls ein eigenes Profil, ihre wichtige Aufgabe. 1998 zum Domjubiläum gebaut, nimmt sie den Platz ein, der im Mittelalter vermutlich Orgelstandort geworden wäre, wenn man eine ähnliche Lösung hätte verwirklichen können. So ist es in den meisten mittelalterlichen Kirchen Mitteleuropas nachweisbar, in einigen Kathedralen wie Straßburg, Metz, Chartres oder Freiburg sogar erhalten. Dabei war sicherlich nicht nur die bevorzugte Akustik in der Nähe der Gewölbe ausschlaggebend für den Bau von Schwalbennestorgeln, es gab sicher auch theologische Gründe, die in der Orgel Gestalt gewordene Musik gleichsam als Methapher für die „musica divina“ nach oben in den Lichtraum zu rücken.

Das Instrument ist, entsprechend der möglichst geringen Auskragung, klanglich wie in der Architektur klar strukturiert, den Rhythmus der Langhausjoche weiterführend, die filigranen Teile ergeben ein größeres Ganzes. Das umgebende Gehäuse ist auf das im Inneren des Instrumentes technisch notwendige reduziert. Hinter den nur 71 cm breiten Seitenwänden bleibt ein Lichtband sichtbar, um das Obergadenfenster weiterhin darzustellen. So bleibt diese Orgel, knapp 20m hoch in der Wirkung fein und filigran, ihre 30t sind über dem Gewölbe an Stahlstangen aufgehängt. Mit 53 Registern eher knapp disponiert, sind doch die wesentlichen Funktionen einer großen Orgel verwirklicht.

Der Bau der Schwalbennestorgel von 1998 mit ihrem optimalem Platz für das gesamte Langhaus hat es leichter gemacht, den Wert der "Hauptorgel" neu zu bestimmen. Die äußere Gestaltung der Orgelfassade und der "Pilze" aus Sichtbeton mit den Gemälden von Peter Hecker, gehört heute zum gewachsenen Bestand des Domes. Die angedachte Forderung, die 1948 gefundene Lösung zum Provisorium zu erklären, ist nachvollziehbar. Dennoch muss diese Orgel heute in ihren wesentlichen Teilen als gültiger Ausdruck ihrer Zeit angesehen werden.

Spätestens seit 1990 wird ja der Stellenwert der gesamten Kirchenmusik am Dom erneut überdacht, um der nach dem Zweiten Vaticanum veränderten Liturgie Rechnung zu tragen – auch in Bezug auf die schon nach dem Konzil vollzogene Verlegung des liturgischen Zentrums vom Hochchor in die Vierung. Die Chöre erleben einen ungeahnten Aufschwung, die Orgelmusik nimmt breiten Raum ein. Überlegungen zur Querhausorgel gab es daher bereits parallel zur Planung der Langhausorgel, die die bisherige Orgel im Querhaus ergänzen, aber nicht ersetzen sollte. Ebenso waren die Standorte für die Domchöre in der Diskussion.

Chor und Orgel bedingen sich gegenseitig als musikalische Partner. Die Orgel hat darüberhinaus als Begleiter der singenden Gemeinde und als Solistin weitere Aufgaben. Schon deshalb muß das Instrument sichtbar sein - denn nur wer es gut sieht, kann es auch gut hören. Der mutigen Lösung der Langhausorgel folgte daher die Neudefinierung der Aufgabe der bestehenden Querhausorgel. Angesichts der im Langhaus gemachten Erfahrung, derzufolge Gewölbereflektionen unabdingbar sind für die Klangentwicklung in einem derartig riesigen Raum, sollte die Orgel ca. 2 m höher gerückt werden. Die Zusätze von 1956 waren zu überprüfen und durch ein Hochdruckwerk zu ergänzen ohne die Gesamtregisterzahl zu verändern. Die klanglichen Reserven des Werkes von 1948 und 1956 waren durch eine Vergrößerung der Windanlage und eine Anhebung des Winddrucks auszuschöpfen, und das bei einem einheitlichen Windladensystem, um das Anspracheverhalten anzugleichen. Ein neuer Spieltisch an der Hauptorgel sollte an die dafür vorbereitete Langhausorgel angeschlossen werden.

Die jetzt gefundene Lösung umfasst daher den gesamten Bestand der Windladen von 1948, die sorgfältig restauriert wurden. Das Pfeifenwerk von 1948, 1956 und der nachfolgenden Jahre wurde weitgehend übernommen und nachintoniert. Die Schleifladen von 1956 dagegen wurden aufgegeben und durch neu gefertigte Kegelladen im Baustil von Hans Klais ersetzt. Auch das Hochdruckwerk, inspiriert durch englische Vorbilder und Ideen, die von Johannes Klais bereits um 1900 verwirklicht wurden, steht auf Kegelladen. Die Windanlage ist durchweg so erneuert, dass jede Lade ihre eigene Windversorgung hat, wobei die pneumatischen Steuer-Relais zusätzlich mit höherem Druck versorgt werden.

Der neue Spieltisch orientiert sich stilistisch an der ursprünglichen Gestaltung mit den für die damalige Klais-Orgel typischen Registerwippen in ergonomisch günstiger, halbrunder Anordnung. Die Anbindung beider Orgeln erfolgt digital auf dem Stand der heutigen Übertragungstechnik. Zur Ausstattung gehört eine moderne Setzeranlage. Die für die Klangabstrahlung günstigere Anhebung und Anordnung der Windladen, die behutsame Nachintonation sowie die vorsichtige Änderung der Disposition, vor allem im Bereich der tiefen Frequenzen, haben eine deutlich prägnantere Zeichnungsfähigkeit der Orgel zur Folge. Die klangliche Verschmelzung beider Orgeln macht die große Akustik des Domes in einer kaum erwarteten Weise beherrschbar. Das neue Chorpodest auf der Empore ermöglicht jetzt die enge Verbindung zwischen einem nicht zu großen Chor und der Orgel für Chorwerke mit Orgelbegleitung.

So ist es zum ersten Mal in der Geschichte des Domes möglich geworden, mit zwei sich ergänzenden, aber unterschiedlichen Instrumenten den Raum zu füllen - Architektur und Musik, beides durchdringt sich.


(Quelle: Johannes Klais Orgelbau GmbH & Co. KG)