Die Brüder Mühe schreiben Domchorgeschichte
Meist treten sie im Doppelpack auf – jedenfalls als Sänger im Kölner Domchor: Gregor und Ingbert Mühe. Jetzt wurden sie für ihr großes Engagement geehrt. Der eine für 55, der andere für 50 Jahre. Auch vom Kardinal kam ein Glückwunsch.
Eine besondere Ehre für Gregor und Ingbert Mühe: Nach einer Chorprobe überreichte Domkapellmeister Alexander Niehues den beiden Brüdern eine Urkunde des Diözesan-Cäcilienverbandes und ein persönlich unterzeichnetes Glückwunschschreiben von Erzbischof Kardinal Woelki zu diesem außergewöhnlichen Jubiläum. In beidem kommt eine große Dankbarkeit für einen solchen jahrzehntelangen Dienst „zum Lobpreis Gottes“ zum Ausdruck – in Anerkennung ihrer Verdienste um die „Verkündigung des Glaubens in der Liturgie“.
So etwas hat Seltenheitswert, zumal für den Älteren der beiden, Gregor Mühe, seine Chorlaufbahn bereits Anfang der 70er Jahre unter Professor Adolf Wendel begann. Dieser war mit einer Anzeige im Kölner Stadtanzeiger auf Nachwuchssuche für den Kölner Domchor. Die nachkommende Knabengeneration und damit das Profil des Ensembles drohten dem damaligen Kölner Domkapellmeister wegzubrechen. Wollte der Chor überleben, mussten frische Sopran- und Altstimmen her. „Das Katholische an dieser Ausschreibung hat meine Eltern, die selbst zeitlebens im Kirchenchor gesungen haben, wohl gereizt. Da ich immer schon Spaß an Musik hatte, habe ich diesen Schritt auch nie bereut, selbst wenn damals sicher niemand geahnt hat, dass dieses Hobby eines Tages für mich zu einer echten Passion würde“, resümiert der heute 65-Jährige rückblickend.
„Zweitkarriere“ im Kölner Dom
Fast könnte man meinen, der Ehrenfelder, der in Bergisch Gladbach eine Rechtsanwaltskanzlei betreibt, würde zum festen Inventar des Kölner Doms gehören. Immerhin hat er parallel zur Juristerei schon früh eine „Zweitkarriere“ hingelegt: Mit 15 Jahren – noch Schüler – wird er Notenwart im Domchor, schon bald darauf organisatorischer Assistent, der die Terminpläne macht und sogar Mitsprache bei der Programmauswahl bekommt. Später übernimmt er die Aufgabe des sogenannten „Knabenbetreuers“, und nach weiteren Jahren kandidiert er für den Chorbeirat. Inzwischen ist er längst auch Domlektor und – sofern vonnöten in vollbesetzten Gottesdiensten – obendrein Kommunionhelfer.
„Wenn man die Liturgie mitgestaltet – egal an welcher Stelle – erlebt man sie viel intensiver“, ist Mühe überzeugt und erklärt, dass ihm dieses aktive Mittun viel bedeute. Das Strenge, Klare, Originäre der Liturgie – so wie Messen in seiner Kindheit und Jugend eben gefeiert wurden, mit viel Ehrfurcht vor dem Heiligen und noch nicht in dem vom Konzil propagierten neuen Selbstbewusstsein der Laien – habe ihn schon früh geprägt. Und so mag er es immer noch. „Ich habe eine starke emotionale Nähe zu diesem Gotteshaus“, gesteht er. „Immerhin gab es eine Zeit, da habe ich jeden Sonntagmorgen dort gesungen. Unzählige Stunden meines Lebens habe ich erst auf der Orgelempore, später auf dem eigens im südlichen Langhaus errichteten Chorpodest verbracht. Kein Wunder, dass mir bei einer Motette von Palestrina in einem lateinischen Hochamt bis heute das Herz aufgeht!“
Alexander Niehues ist bereits fünfter Chorleiter
In 55 Jahren Chorzugehörigkeit, rechnet Gregor Mühe hoch, sei Alexander Niehues nicht nur sein fünfter Chorleiter, unter dem er singe, sondern Kardinal Woelki auch schon sein vierter Erzbischof, so dass ihn das Ausmaß dieser beachtlichen Zeitspanne manchmal selbst überrasche. Schließlich seien die aktuellen Weihbischöfe oder Domkapitulare alle erst nach ihm gekommen. „Das hat eine ganz eigene Faszination“, schmunzelt er. „Die Menschen am Dom kommen und gehen. Die einzige Konstante, die die Zeiten überdauert und selbst Kriege überstanden hat, ist diese unglaublich imposante Kirche.“
„Vor allem aber lässt einen dieser beeindruckende Raum, in dem diese Musik stattfindet, nicht mehr los. Mit der Zeit begreift man immer mehr, wofür er einmal geschaffen wurde. Der Dom ist eben ein lebendiger Organismus – und zuallerletzt ein Museum“, unterstreicht Mühe. Daher müsse auch die Musik passen und mit Bedacht gewählt sein. Wenn es nach ihm ginge, dürfte es mitunter auch gerne ein bisschen mehr von der Mystik früher Renaissance-Meister sein. Am liebsten, so sagt er, gregorianische Choräle aus dem „Graduale Romanum“, dem Choralbuch der Kirche, das Domkapellmeister Metternich ihm 1996 zu seinem 25-jährigen Chorjubiläum geschenkt hat, während ihm zu seinem 50-Jährigen die Ehrenmitgliedschaft im Kölner Domchor verliehen wurde.
Ehrenmitgliedschaft schon mit 33 Jahren
Auch sein jüngerer Bruder Ingbert ist längst Ehrenmitglied des Kölner Domchores – bereits seit 1998. Da gehörte dieser zwar schon über 20 Jahre dem Ensemble an, aber mit 33 bereits Ehrenmitglied – das hatte es in der Domchorgeschichte noch nicht gegeben. Ausgezeichnet wurde er damals für seine jahrelange Tätigkeit als Archivar und Notenwart. Nur kurz hat er als Teenager zwischendurch mal für den Stimmbruch pausiert, ist dann aber sehr bald wieder bei den Herrenstimmen eingestiegen, bei denen er zum verlässlichen Stamm gehört und die regelmäßige Probenarbeit genau so ernst nimmt wie die jüngeren Chorsänger. Das Singen in großer Gemeinschaft ist ihm bis heute Lebenselixier.
Denn mit zehn Jahren beginnt auch er seine Sängerkarriere im Dom – da befindet sich die Domsingschule noch in der Steinfeldergasse. Am 7. März 1976 hat er unter Wendels Nachfolger, Domvikar Karl-Heinz Obernier, seinen ersten offiziellen Auftritt. „Damals sangen wir in der Fastenzeit nur Choralmessen, mehrstimmig waren nur die Motetten“, erinnert sich der 60-Jährige, der im Erzbistum als Referent für die internationale katholische Seelsorge tätig ist, noch ganz genau. Später hätten sie als Brüder zunächst projektbezogen als „Aushilfe“ auch noch die Domkantorei verstärkt: erst er, fünf Jahre später dann auch sein Bruder Gregor. Dabei sei es dann geblieben, erzählt Ingbert Mühe, so dass drei Abendproben in der Woche längst der Normalfall in der Familie Mühe wären.

Unzählige Highlights in 50 Jahren
„Musik bestimmt mein ganzes Leben, und dem Domchor verdanke ich viel, was ich sonst sicher nie erlebt hätte“, erklärt Ingbert Mühe und gerät ins Schwärmen, wenn er an die letzten 50 Jahre im Domchor zurückdenkt und von den Highlights seiner Sängerlaufbahn spricht. Dazu zählen vor allem die Papstbesuche von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. in Köln, aber auch die Gestaltung von drei Pontifikalrequien der Kardinäle Frings, Höffner und Meisner sowie die musikalischen Auftritte in Rom bei Papstmessen, zuletzt 2013 mit Franziskus aus Anlass des 150-jährigen Bestehens des Domchors.
Unvergessen bleiben ihm auch die Mitwirkung bei der Eurovisionsübertragung am Ostersonntag 1980 aus dem Kölner Dom, beim Katholikentag im gleichen Jahr in Berlin, die Teilnahme an der Seligsprechung Adolph Kolpings 1991 auf dem Petersplatz in Rom, das Domjubiläum 1998, der Weltjugendtag 2005 in Köln oder 2013 das Konzert in der Sixtinischen Kapelle direkt unter dem „Jüngsten Gericht“ von Michelangelo, außerdem die vielen Konzertreisen: in die USA, nach Canada und Mexiko, aber auch nach Lettland, Luxemburg, Tschechien, Irland, Großbritannien und Polen sowie unzählige Festgottesdienste und internationale Chorbegegnungen wie noch im letzten Jahr beim Internationalen Pueri Cantores Festival in München.

„Mit dem Chor habe ich viel von der Welt gesehen“, stellt Mühe fest. „Das sind prägende Erlebnisse, die mich mit großer Dankbarkeit erfüllen. Genauso wie die enge freundschaftliche Verbindung zu Domkapellmeister Pater Ralph S. March zwischen 1978 und 1987, dem Vorgänger Eberhard Metternichs, oder die Tatsache, viele Jahre mit meinem Sohn Felix nebeneinander im Chor gestanden zu haben.“ Das sei überhaupt von allen die beglückendste Erfahrung gewesen. Sowie die vielen Freunde fürs Leben, die er über das Singen gewonnen habe.