Domkapellmeister Alexander Niehues gibt mit großem Konzert offiziellen Einstand


Im September hat er seinen Dienst am Kölner Dom begonnen, zehn Monate später findet nun sein großes Antrittskonzert mit allen Chören am Dom und dem Gürzenich-Orchester Köln statt. Wie tickt "der Neue"? Alexander Niehues im Interview.

DOMRADIO.DE: Mit dem großen Domkonzert am 25. Juni setzen Sie eine Tradition fort, die vor über 15 Jahren von Ihrem Vorgänger Eberhard Metternich mit dem damaligen Gürzenich-Chef Markus Stenz begründet wurde. Nun stehen Sie selbst zum ersten Mal als Dirigent vor diesem renommierten Orchester, gleichzeitig geben Sie fast 200 Sängerinnen und Sängern den Einsatz. Mit welchen Gefühlen gehen Sie in dieses Konzert, das in jedem Sommer immer einen Höhepunkt der geistlichen Konzerte in Kölns Kathedrale markiert? 

Alexander Niehues (Kölner Domkapellmeister): Mit einer großen Vorfreude und positiver Anspannung. Denn ich bin sehr neugierig, wie die vier Chöre miteinander musizieren – in der Weite des Raumes, aber auch in dieser großen Entfernung zum Dirigentenpult. Das ist ja eine völlig andere Situation als in den Sonntagsmessen oder den Konzerten am Dreikönigenschrein. Ich habe den Eindruck, dass sich auch das Orchester auf dieses Konzert freut. Es ist ja immer etwas Besonderes, im Dom zu spielen – bei allem Respekt vor der Akustik des Raumes. 

Das Gürzenich-Orchester kenne ich schon von den Opernauftritten – wie zuletzt bei Turandot – oder den "Carmina Burana"-Aufführungen in Köln und im Rheingau. Wir haben nun zum ersten Mal persönlichen Kontakt und eine gute Form der Kommunikation gefunden. Wichtig ist mir dabei ein menschlich-kollegialer Umgang. Gleichzeitig kann ich mich auf die Kompetenz jedes Einzelnen verlassen und weiß, dass wir alle denselben Anspruch haben: nämlich zusammen Höchstleistung zu erbringen. 

DOMRADIO.DE: Macht das einen Unterschied, einen Chor oder ein Orchester zu führen? 

Niehues: Beides ist mir vertraut. Die Sängerinnen und Sänger brauchen eine andere Art von Unterstützung als die Instrumentalisten. Atemführung, Textartikulation, Intonation – all das müssen die Sängerinnen und Sänger körperlich leisten, während sich die Orchestermusiker auf ihr Instrument verlassen können. Das heißt für den Dirigenten, dass neben der Präzision für das Orchester auch immer eine besondere Aufmerksamkeit auf dem Chor liegen muss. 

Domkapellmeister Alexander Niehues

DOMRADIO.DE: Ihr Wunsch war es, alle vier Chöre der Kölner Dommusik, von denen Sie selbst den Kölner Domchor und das Vokalensemble Kölner Dom leiten, an diesem Konzert zu beteiligen. Ausgewählt haben Sie dafür die "Messa di Gloria" von Puccini, ein recht opernhaftes Werk, und das "Te Deum" von Bizet, das einzige geistliche Werk des Komponisten, das er mit nur 20 Jahren geschrieben hat. Warum dieses Programm? 

Niehues: Für mich persönlich sind beide Werke eine Premiere. Einfach war es nicht, etwas zu finden, das bei den großen Domkonzerten noch nicht aufgeführt wurde oder zumindest – auch nicht in der Stadt – andauernd zu hören ist. Bei meiner Recherche bin ich dann auf Puccinis "Messa di Gloria" gestoßen. Diese freudige, aber auch tiefgründige Musik hat mich direkt begeistert. Nach dem Motto "Gute Laune zur Sommerzeit" habe ich mich dann auf die Suche nach einem von der Besetzung, vom Charakter und von der Dauer her passenden anderen Werk gemacht. Schließlich fiel mir Bizets "Te Deum" in die Hände. Beide Kompositionen sind Jugendwerke, lassen allerdings schon die große Meisterschaft der Opernkomposition durchblitzen. 

Puccini legt als Sohn eines italienischen Domorganisten mit seiner Messe, wie ich finde, ein ganz besonderes Glaubenszeugnis ab. Sie lebt von extremen stilistischen Gegensätzen, die letztlich alle in den theologischen Aussagen des Messtextes begründet sind: Innige, fast andächtige Momente prallen immer wieder auf dramatische, mitreißende Opern-Theatralik und schwungvolle Tanzrhythmen. 

Bizet schrieb sein "Te Deum" für einen Wettbewerb in Rom. Auch wenn er sonst nicht viel mit Kirchenmusik zu tun hatte, hat er sich musikalisch sehr einfühlsam auf die Thematik eingelassen. Das Besondere im Domkonzert: Am "Te Deum" sind dann auch die Knaben des Domchores beteiligt. Da wir mit dieser Musik in den Proben so viel Freude hatten, bin ich mir sicher, dass sich diese Begeisterung auch im Konzert sehr schnell auf das Publikum übertragen wird.

DOMRADIO.DE: In den letzten zehn Monaten konnten Sie sich allmählich an die speziellen Herausforderungen des Doms gewöhnen, wozu nicht zuletzt die spezielle Akustik dieses weiten Raums gehört, die die Interaktion – zum Beispiel in den Gottesdiensten mit der Orgel, aber auch mit anderen Instrumenten – nicht gerade leicht macht. Manchmal kann man sich nicht allein aufs Hören verlassen. Große Oratorienmusik stellt eine besondere Schwierigkeit dar. Was mussten Sie lernen? 

Niehues: Ich war überrascht, wie viel ganz selbstverständlich funktioniert. Konkret im Gottesdienst können wir uns immer auf unsere Organisten verlassen und oft nach Bauchgefühl dirigieren. Akustisch findet man sich auf dem Chorpodest recht schnell zusammen. Für die Gemeinde strahlt der Gesang wunderbar ins Hauptschiff und ist transparent hörbar. In der Vierung dagegen – das habe ich beim Adventskonzert gemerkt – muss man sich mehr Zeit nehmen. 

Allerdings war ich in der Hauptprobe erleichtert und angenehm überrascht, wie schnell sich alle Beteiligten auf die Situation eingespielt haben. Vielleicht mussten wir das Tempo hier und da etwas zurücknehmen, die ein oder andere Zäsur etwas länger gestalten, allerdings zeigte es sich, dass die Sängerinnen und Sänger der Dommusik diese musikalische Situation aus der Erfahrung heraus sehr souverän meistern können. 

Vokalensemble Kölner Dom, Ltg.: Alexander Niehues

DOMRADIO.DE: Apropos: Wie nehmen Sie inzwischen dieses Gotteshaus wahr? Ist da bereits eine emotionale Nähe entstanden? 

Niehues: Nach wie vor bin ich vom Dom und seinen Ausmaßen beeindruckt. Diese gewaltige Architektur, die sich auftut, wenn man aus dem Bahnhof kommt, fasziniert mich immer wieder. Andererseits glaube ich, dass man sich diesem überwältigenden Bau in behutsamen Schritten nähern muss. Emotionale Nähe braucht auch hier seine Zeit. Beeindruckt hat mich die Besichtigung der Ausgrabungsstätte, und auch im Innenraum entdecke ich immer Neues: hier einen musizierenden Engel, da eine auf den ersten Blick unscheinbar wirkende Wandmalerei oder ein besonderes Bodenmosaik. Jetzt haben wir auch noch eine neue Orgel! Es ist also immer etwas in Bewegung. 

DOMRADIO.DE: Als Sie angetreten sind, haben Sie zunächst offengelassen, ob Sie zukünftig bei der Probenarbeit mit dem Domchor eigene Akzente setzen bzw. auch an den äußeren "Stellschrauben" der Arbeit mit den Knaben und Jugendlichen nachjustieren wollen. Zuhörer nehmen jedenfalls wahr, dass sich der Klang beider Chöre – auch der des Erwachsenenchores – unter Ihrer Leitung nochmals verändert hat … 

Domkapellmeister Alexander Niehues

Niehues: Meine Erfahrung ist, dass sich der Klang eines Chores in dem Moment ändert, in dem ein anderer Leiter davorsteht. Größere Veränderungen ergeben sich dann mit der Zeit. Da setze ich bei meiner eigenen stimmlichen Prägung an und gebe das technisch weiter. Hier sind für mich die Atmung, die Haltung und die Vokalfarben wichtige Aspekte. Und so verändert sich der Chorklang. 

Besonders schön ist das bei den Kindern, die damit ganz offen umgehen: Sie probieren gerne aus und freuen sich auf Neues. Ein großes Thema in der Probenarbeit mit jungen Menschen heutzutage sind Konzentration und Disziplin. Hier ziehen wir Chorleiter der Dommusik an einem Strang und versuchen, klare Regeln zu definieren. Wir trainieren einen Probenmodus, den wir mit herzlicher Strenge vertreten. Die Arbeit am Klang dagegen betrifft genauso die Erwachsenen im Vokalensemble. Gezieltes Einsingen und adäquate Stimmbildung bringen hier schöne Veränderungen. Die Chöre, die vorher schon sehr gut waren, bekommen nun noch einmal eine andere Prägung und entwickeln sich mit neuen Impulsen weiter. Insgesamt waren die letzten zehn Monate von schönen Erfahrungen geprägt: nämlich von der gemeinsamen Suche danach, wie wir unseren neuen Klang finden. 

Ist mit von der Partie: Mädchenchor am Kölner Dom

DOMRADIO.DE: Auch das Repertoire ist ein anderes. Wo liegen Ihre persönlichen Vorlieben? 

Niehues: Was das Repertoire angeht, habe ich ein sehr großes Herz. Ich schätze die Renaissance-Musik mit der entsprechenden Detailarbeit sehr. Ich habe aber genauso große Freude an der Kirchenmusik von Mozart und den großen Messkompositionen von Joseph Haydn. In der Romantik, in der dann auch das Dirigentenpult prominent wurde, ist die Musik noch einmal anders auf den Dirigenten hin angelegt. 

Die Oratorien der Romantik wurden für die großen Chöre, die zu dieser Zeit gegründet wurden, komponiert. Man begann also, auch Musik für Laienchöre zu schreiben, was vorher professionellen Sängern vorbehalten war. Demnach haben wir ab der Romantik Musik, die sich sehr gut einsetzen lässt. Bei der zeitgenössischen Musik beeindrucken mich die Werke, die trotz hohen Anspruchs Freude am Singen verbreiten. 

DOMRADIO.DE: Zurück zum Domkonzert, bei dem es gleich mehrere Premieren gibt: Zum ersten Mal dirigieren Sie das Gürzenich-Orchester. Und zum ersten Mal führen Sie die Puccini-Messe und auch das Bizet-Te Deum auf, ein chorisch anspruchsvolles Programm, an dem alle Generationen beteiligt sind. Worauf freuen Sie sich am meisten? 

Niehues: Auf den Moment, wenn es losgeht und nur noch die Musik zählt. Ich bin ganz zuversichtlich, dass dann der Funke dieser Musik, dieses einmaligen Raums und dieser vielen Akteure, die in der Vierung Musik machen, auf das Publikum überspringen wird. Dankbar bin ich dem Kölner Domkapitel, das uns solche Konzerte ermöglicht, und der Kulturstiftung Kölner Dom für die großzügige Unterstützung. Ein großes Dankeschön aber auch an das Team der Dommusik, in dem alle zusammenwirken, um so ein großes Konzert auf die Beine zu stellen. Hier denke ich an meine Chorleiterkollegen, die ihren jeweiligen Chor auf das Konzert vorbereitet haben, an unser Management und die Organisation sowie an alle Mitarbeiter des Domes. 

DOMRADIO.DE: Was erhoffen Sie sich von einer solchen Musik? 

Niehues: In jedem Fall ist ein Konzert im Dom nie Selbstzweck. Meiner Meinung nach geht es vielmehr um Gotteslob im ureigentlichen Sinne. Die Messvertonung und das Te Deum greifen die Botschaft einer großen Freude auf, die ein tiefes Gottvertrauen zum Ausdruck bringt. Die geistliche Musik soll Menschen erreichen, die vielleicht sonst nicht in Kontakt mit der Kirche kommen, aber auch allen, die mit Kirche und Liturgie vertraut sind, in einem anderen Kontext Räume zu Gebet, Einkehr, aber auch zur Freude an der Musik zum Lobe des Herrn ermöglichen. 

So fügt es sich auch sehr schön, dass das Gürzenich-Orchester die Verpflichtung hat, einmal im Jahr ein Konzert für die Kölner Bürgerschaft zu geben. Das ist dieses Konzert. Wir tun also auch etwas für die Menschen in Köln. 

Das Interview führte Beatrice Tomasetti. 

Information der Redaktion: DOMRADIO.DE überträgt das Konzert live am 25.06.2026 um 20 Uhr.