search icon

Vielseitig und virtuos: Jubiläumskonzert zu 25 Jahre Vokalensemble Kölner Dom


Auftritte unter Daniel Barenboim, Kent Nagano und Francois-Xavier Roth belegen das Niveau, auf dem sich der Erwachsenenchor unter Leitung von Domkapellmeister Eberhard Metternich bewegt. Mit zwei Konzerten werde nun Geburtstag gefeiert, erklärt er im Interview.

Herr Metternich, eigentlich wollten Sie im vergangenen Jahr das 25-jährige Bestehen Ihres Vokalensembles ausgiebig mit der „Missa Solemnis“ von Beethoven unter Kent Nagano feiern. Die im Fernsehen übertragene Aufführung, zu der Sie Ihren Chor „ausgeliehen“ hatten, fand zwar statt, aber die internen Feierlichkeiten wurden auf dieses Jahr verschoben…

Professor Eberhard Metternich (Domkapellmeister und Leiter des Vokalensembles Kölner Dom): Die „Missa Solemnis“ im Kölner Dom unter Nagano zusammen mit Concerto Köln sollte anlässlich des Beethoven-Jahres 2020 im August des vergangenen Jahres ein nachgeholtes Geburtstagskonzert für den großen Komponisten werden. Und das hat zum Glück ja auch trotz immer noch zu berücksichtigender Maßnahmen durch die Pandemie geklappt. Dennoch mussten die Corona-Auflagen beachtet werden, und so war ausgiebiges Feiern danach noch nicht wirklich dran. Hinzu kommt, dass wir damals im November 1996 zwar mit den Proben angefangen hatten, der erste offizielle Auftritt des Vokalensembles im Dom aber dann erst am Palmsonntag 1997 stattfand, so dass wir nun diesen Tag auch als unser Gründungsdatum festgelegt haben. Von daher gab es innerhalb des Chores die Überlegung, dass wir so richtig unser 25-jähriges Bestehen erst in diesem Jahr feiern wollen – dann aber gleich mit zwei Konzerten – und damit auch ein wenig nachholen, was in zwei Jahren Pandemie nicht wirklich möglich war. 

An diesem Samstagabend singen wir in der Vierung des Domes ein Programm mit den Fest- und Gedenksprüchen von Brahms, Motetten von Gabrieli, Bach und Mauersberger sowie die Messe für Doppelchor von Frank Martin, entstanden 1921 und für mich die eindrucksvollste a-cappella-Messe überhaupt. Zum Mitsingen eingeladen haben wir übrigens auch alle Ehemaligen, so dass das für viele auch ein großes Fest des Wiedersehens wird. 

Domkapellmeister Eberhard Metternich
Domkapellmeister Eberhard Metternich

Wie kommt ein solches Jubiläumsprogramm zustande? Sie hätten ja auch ein pompöses Oratorium planen können…

Metternich: A-cappella-Musik von der Renaissance bis in die Gegenwart ist über die Jahre immer der Schwerpunkt des Vokalensembles geblieben. Hier liegt seine eigentliche Stärke, daher wollen wir diese auch mit der Werkauswahl zeigen. Außerdem sind die Stücke so etwas wie „Meilensteine“ in der Geschichte dieses Chores; Kompositionen, die uns immer wieder begleitet haben. Schon während meines Studiums habe ich davon geträumt, genau diese Literatur einmal einstudieren zu können, wenn ich denn eines Tages den dafür passenden Chor haben würde. Nun hat sich zu meiner großen Freude das Vokalensemble genau zu einer solchen Sängerformation entwickelt: Sie singt eine Martin-Messe genau so wie eine Bach-Motette. Das beweist die musikalische Vielseitigkeit, Belastbarkeit, aber vor allem auch Virtuosität dieses Chores; Voraussetzungen, die bei der gemeinsamen Arbeit ganz wichtig geworden sind und immer wieder bei uns allen für unverhoffte Glücksmomente sorgen. Bei der Bach-Motette „Singet dem Herrn“ gibt es eine achtstimmige Fuge, die ist der helle Wahnsinn.

Auch erwachsene ausgereifte Stimmen mit einem hohen Maß an Professionalität müssen regelmäßig üben. Wie sehr hat die Chorgemeinschaft unter der Pandemie gelitten?

Metternich: Außer dass wir 2020 eine Konzertreise nach Luxemburg und Frankreich absagen mussten, hielt sich das eigentlich im Rahmen. Sobald es irgendwie wieder möglich war, haben wir in kleineren Gruppen geprobt, denn natürlich hat jeder das gemeinschaftliche Singen sehr vermisst. Der erste Lockdown zwischen März und Juni bleibt eine sehr prägende Erfahrung. Ich erinnere mich noch genau, wie befreiend unsere erste richtige Probe danach für uns alle war. Wirklich toll! Bei Erwachsenen bricht so viel in einem solchen Zeitraum nicht weg, das ist bei den Knabenstimmen viel fataler. Beim Domchor wird es noch eine ganze Weile brauchen, bis wir da wieder auf dem Qualitätslevel der Zeit vor Corona angekommen sein werden. Hier ist schon viel Motivationsarbeit gefragt. Aber zum Glück gibt es die erfahrenen älteren Sänger, die einfach das Rückgrat des Chores sind. 

Uraufführung Dreikönigsoratorium
Uraufführung Dreikönigsoratorium

Als Sie das Vokalensemble Kölner Dom gründeten, gab es bereits drei Chöre für die Liturgie am Dom. Warum dann noch ein vierter?

Metternich: Natürlich hätten die drei eigentlich schon gereicht: zwei Kinderchöre und die Kölner Domkantorei als Erwachsenenchor, die sich vor allem der oratorischen Musik widmet. Nachdem ich mich ab 1993 als Lehrbeauftragter für Chorleitung an der Musikhochschule dann aber allmählich eingearbeitet hatte, habe ich mit den Studierenden regelmäßige Projektwochenenden eingeführt, die immer mit einem abschließenden Auftritt im Dom endeten. Mit der Zeit spürte ich dann ein großes Interesse seitens der Studierenden an dieser Art des gemeinsamen Musizierens und auch an diesem besonderen Kirchenraum. Es war die Kombination aus beidem, die mich auf die Idee der Gründung eines neuen Chors brachte, zumal ein Kammerchor, der auch a-cappella-Werke mit hohem Schwierigkeitsgrad bewältigen kann, bislang noch fehlte. 

Zur ersten Probe kamen damals 24 Sängerinnen und Sänger, von denen die meisten – wie gesagt – an der Musikhochschule studierten, vor allem Schulmusik. Manche kamen auch aus anderen Domchören zum Studium nach Köln oder brachten von woanders schon viel Chorerfahrung mit und suchten jetzt eine neue Heimat. 13 Gründungsmitglieder zählen heute noch zum Vokalensemble – eine natürliche Fluktuation bei jungen Erwachsenen ist normal – so dass wir inzwischen sehr viel offener für Neuzugänge geworden sind und gute Sänger gerne willkommen heißen. Der Chor hat sich ständig weiterentwickelt, und wir haben dann Kompositionen realisieren können, die ich im Studium selbst einmal gesungen habe und von denen ich mir immer gewünscht hatte, sie eines Tages auch mal dirigieren zu dürfen. Inzwischen hat der Chor ein Niveau erreicht, das ihn auch für andere Dirigenten interessant macht. Von daher hoffe ich, dass dieses Ensemble selbst nach meinem Weggang eines Tages eine der tragenden musikalischen Säulen am Kölner Dom bleibt.

Welches Repertoire pflegen Sie denn, und was macht das Alleinstellungsmerkmal dieses Chores aus?

Metternich: Jeder der Chöre am Kölner Dom hat sein unverwechselbares Profil und beschäftigt sich jeweils auch mit ganz anderer Literatur. Das werden meine Chorleiterkollegen sicher bestätigen. Für mich persönlich ist sehr bereichernd, dass ich neben der intensiven Arbeit mit den Kindern auch mit erfahrenen Erwachsenen arbeiten kann. Hier ist man mehr auf Augenhöhe, die Einstudierung gestaltet sich viel einfacher. Die Noten sind meist nicht das Problem, wir feilen mehr am Ausdruck. Und dann ist es natürlich eine wunderbare Erfahrung, auch einmal mit anderen Dirigenten zu arbeiten und zum Beispiel diese nun schon langjährige Kooperation mit dem Gürzenich-Orchester zu haben. Ich weiß gar nicht mehr so recht, wie die auf uns aufmerksam geworden sind. Aber eines Tages – das war 2008 – kam deren Leiter, Markus Stenz, auf mich zu und fragte an, ob wir mit ihm nicht die c-Moll-Messe von Mozart in der Philharmonie aufführen wollten. Wir kannten uns bereits aus der Oper. Außerdem hatte ich sein Orchester 2006 zur Wahl Papst Benedikts – in dieser damaligen Euphorie „Wir alle sind Papst“ – einfach mutig für ein festliches Hochamt mit Kirchenchorsängern aus dem gesamten Erzbistum angefragt. 

Diese Mozart-Messe wurde dann zur Initialzündung für die nun schon seit über zehn Jahren währende Kooperation zwischen Gürzenich-Orchester und Kölner Dommusik. Stenz merkte schnell, dass das Vokalensemble total flexibel und unkompliziert mit einem fremden Dirigenten warm wird, sich wunderbar anpassen kann. Zu späteren Projekten gehörten dann die „Schöpfung“ von Haydn und die Bach-Passionen, was wiederum zu weiteren Anfragen durch Philharmonie-Intendant Louwrens Langevoort führte: zum Beispiel zur Mitwirkung bei der Neunten Sinfonie von Beethoven 2011 mit dem West-Eastern Divan-Orchestra unter Daniel Barenboim. Auch die Johannes-Passion oder „L’enfance du Christ“ von Berlioz mit Francois-Xavier Roth waren packende Erfahrungen und bleiben unvergesslich. Überdies bringt die Arbeit mit solchen Dirigenten einen Chor ein ganzes Stück weiter.

Missa Solemnis im Kölner Dom
Missa Solemnis im Kölner Dom

Wenn Sie auf die letzten 25 Jahre zurückschauen – was war der größte Erfolg?

Metternich: Es ist die Summe so vieler kleiner Erfolge, die uns auch ein bisschen stolz macht. Dazu gehören besondere Stücke, die wir uns fleißig erarbeitet haben, oder Reisen ins europäische Ausland, wie nach Irland, Italien oder England. Die weiteste Reise ging bislang nach Moskau, wo wir auch unseren Domorganisten Winfried Bönig mit dabei hatten und in der dortigen Tschaikowsky Concert Hall aufgetreten sind. Moskau ist eine kulturell sehr intensive Stadt. Das konnte man spüren. Trotzdem würde ich in einem solchen System, was man im tiefsten Herzen ablehnt, heute nicht mehr auftreten. Wir mögen einander kulturell vielleicht sehr nahe sein, doch politisch trennen uns Welten.

Was die musikalischen Erfolge betrifft, fällt mir sofort Beethovens „Missa Solemnis“ ein. Lange hatte ich nicht für möglich gehalten, dass ich mit einem Chor einmal eine solche Komposition bewältigen würde. Das macht mich daher zutiefst dankbar.

Gibt es noch Pläne, die Sie und das Vokalensemble für die Zukunft haben?

Metternich: Zurzeit arbeiten wir noch gemeinsam mit dem Kölner Kammerorchester und dessen Leiter, Christoph Poppen, an einer Einspielung aller Mozart-Messen. Ein immer wieder von der Pandemie unterbrochenes, aber eben auch großartiges Projekt, an dem meine beiden Chöre, der Domchor und das Vokalensemble, beteiligt sind. Auch das ist eine gewachsene Kooperation, die damals maßgeblich von Franz-Xaver-Ohnesorg angestoßen wurde und längst von einer großen gegenseitigen Wertschätzung geprägt ist. So reist der Knabenchor im nächsten Jahr mit Poppen nach Portugal, um an dem von ihm gegründeten Musik-Festival in Marvao teilzunehmen. Aber auch andere großartige Konzerterlebnisse, wie die „Jahreszeiten“ von Haydn oder zuletzt die Uraufführung des „Dreikönigsoratoriums“ von Helge Burggrabe im Kölner Dom verbinden uns mittlerweile.

Außerdem stecken wir noch mitten in den Vorbereitungen für ein Konzert am 2. Dezember mit den von mir zu einem „Adventsoratorium“ zusammengestellten Bach-Kantaten, die zu den jeweils vier Adventssonntagen geschrieben wurden, aber – anders als das berühmte „Weihnachtsoratorium“ – weniger bekannt sind. Begleitet werden wir dabei auf historischen Instrumenten von dem Ensemble Concert Royal Köln.

Apropos Bach: Von ihm wird es immer mal wieder etwas geben. Wenn’s gelingt, stünde die h-Moll-Messe auf meiner persönlichen Wunschliste ganz oben. War Bach zu Beginn meiner Domkapellmeisterzeit als protestantischer Komponist in Kölns katholischer Kathedrale eher noch umstritten, konnten Vorbehalte solcher Art inzwischen aufgelöst werden, zumal sein Werk einfach als herausragend in der Chorliteratur gilt. Und auch ich muss bekennen: Im Laufe meines langen Chorleiterlebens ist er mir mehr und mehr ans Herz gewachsen.

Das Interview führte Beatrice Tomasetti  

Hier geht’s zur Veranstaltung

KulturstiftungDombau Verein