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„Jeder Kollege hat seine eigene Sprache“ - Orgelnacht zum Domjubiläum


Auf den Dreiklang Dom, Nacht, Musik setzt Domorganist Winfried Bönig, der an diesem Freitag gemeinsam mit vier Kollegen zu einer Orgelnacht einlädt. Für seine Zuhörer verspricht er sich davon ein ganz besonders intensives Dom-Erlebnis.

Herr Professor Bönig, zum Abschluss der Domjubiläum-Konzertreihe gibt es fünf Stunden Orgelmusik am Stück. Erst zum zweiten Mal überhaupt veranstalten Sie im Kölner Dom eine solche Orgelnacht. Was verbinden Sie damit?

Winfried Bönig (Domorganist): Es war klar, dass nach den diesjährigen Orgelfeierstunden, die ja erst Anfang September zu Ende gegangen sind, nicht noch eine weitere Orgelstunde oben drauf gesetzt werden sollte, sondern zu dieser 700-Jahr-Feier des Hochchores ein neues Format her musste, das der Größe des Ereignisses entspricht. Da bot sich dann eine Orgelnacht an, wie wir sie anlässlich des 333.Geburtstages von Johann Sebastian Bach 2018 schon einmal hatten. Trotzdem soll sie etwas Besonderes bleiben. Aber ein Domjubiläum ist eben auch ein spektakulärer Anlass für kreative Ideen. Ich verstehe diese Orgelnacht als Hinführung zu dem dann folgenden zentralen Wochenende und dem eigentlichen Weihetag des Chores, auf den hin wir mit diesem Musikangebot eine Tür öffnen. Mir war wichtig, dass auch die klassische Orgelmusik – nach den viel beachteten anderen Konzerten zum Domjubiläum in den letzten Wochen – da einen wesentlichen Beitrag leistet und dieser Orgelreigen Wegcharakter hat, an dem sich auch Kollegen aus dem ganzen Erzbistum – alle mit internationaler Expertise – beteiligen. Denn dieses Domjubiläum strahlt ja in die Diözese hinein und ist nicht nur ein Kölner Thema. Alle sollen Gelegenheit haben, sich auf diese Weise mit ihrer Bischofskirche zu identifizieren und das Geschehen hier zu konzentrieren.

Ein solcher Marathon bis morgens früh um 1 Uhr wäre ja konditionell alleine gar nicht zu stemmen. Nach welchen Kriterien haben Sie nach Mitstreiterinnen und Mitstreitern Ausschau gehalten?

Bönig: Wir musizieren nun zu fünft – und zwar immer im Wechsel. Für das Projekt konnte ich meine hochgeschätzten Kollegen Iris Rieg, Orgeldozentin in der Dommusik, und Christoph Kuhlmann aus der Innenstadtkirche St. Andreas, Alexander Niehues aus St. Lambertus, Düsseldorf, und Michael Bottenhorn aus Bonn-Beuel gewinnen. Wir haben im Erzbistum eine blühende Szene mit hervorrragenden Organisten, so dass ich locker noch zehn weitere zum Mitmachen gefunden hätte. So aber sind wenigstens die Metropolen vertreten. Schließlich sollte die Zusammenstellung möglichst interessant sein. Denn wir haben wirklich eine Vielzahl toller Musiker im Erzbistum in großen Kirchen mit faszinierenden Instrumenten.

Nun gibt es eine attraktive Mischung aus ganz unterschiedlichen Charakteren, von denen jeder jeweils anders mit der Orgel umgeht. Das ist in etwa der Vielfalt von Malern vergleichbar, die ja auch ihren je eigenen Stil pflegen, der sich dann von dem der anderen unverkennbar abhebt. Ich freue mich auf diese inspirierenden Künstlerpersönlichkeiten, die auch ganz andere Stücke ausgewählt haben als ich. Sie stehen für eine große Bandbreite an Ausdruck und Farbe, die sie der Domorgel entlocken, und sorgen damit für manchen Aha-Effekt. Wenn man so will, spricht jeder seine eigene Sprache, hat seinen unverwechselbaren Dialekt. Hinzu kommt – wie gesagt – dass wir nicht fünf einzelne Konzerte hintereinander hören, sondern durch den ständigen Wechsel am Orgelpult und auch die Moderationen zwischendurch, für die der Journalist und Orgelfachmann Henning Schoon zur Verfügung steht, einen durchaus spannenden und eher kurzweiligen Abend miteinander verbringen werden.

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Also darf man sich auch auf Erläuterungen zu der gewählten Literatur freuen?

Bönig: Manchmal ist es hilfreich, wenn man etwas über die Entstehungsgeschichte eines Werkes erfährt oder über die biografische Phase des Komponisten, in der es geschrieben wurde. Mit seinen Informationen wird Herr Schoon die Musik, die wir hören, in alle möglichen Richtungen verbinden. Außerdem soll dieses Konzert nicht wie ein Fließband durchlaufen, sondern auch mithilfe geistlicher Impulse die Möglichkeit zum Innehalten bieten. Wer Musik hört, braucht oft eine Orientierung. Man muss ja zur Musik hingeführt werden. Denn nach fünf Stunden kann man auch schon mal schnell die Orientierung verlieren. Die Musik aber ist eine Sprache und setzt Wegmarken. Infolgedessen hört man Musik anders, versteht sie besser, wenn jemand sie dem Hörer „aufschließt“.

Wie kommt für eine solche Nacht die Programmauswahl zustande? Ich vermute ja, dass Sie das Publikum auch mit besonderen „Schmankerln“ ködern müssen, um durchzuhalten. Schließlich ist nicht jeder ein Nachtschwärmer…

Bönig: Es liegt geradezu auf der Hand, dass bei einer 700-Jahr-Feier das Gebäude und damit die Zeit, in der es errichtet wurde, im Zentrum steht. Daher habe ich mich selbst für Musik entschieden, die nicht ganz, aber doch fast aus dieser Epoche stammt. So oder so ähnlich muss es jedenfalls damals geklungen haben, wenn ich das Kyrie aus dem „Codex Faenza“, im frühen 14. Jahrhundert entstanden, spiele. Grundsätzlich ist ein sehr buntes facettenreiches Programm entstanden – aus allen Epochen und beginnend im Barock. Kollege Kuhlmann wird zum Beispiel ein Allegro aus der 6. Symphonie von Widor spielen oder „La cathédrale engloutie“ von Debussy. Alexander Niehues spielt ein Präludium und Fuge von Bach, aber auch das „Piece Héroique“ von César Franck.  Iris Rieg greift eine Transkription aus der Klaviersonate „Pathétique“ von Beethoven auf und bringt ihre eigene Komposition „Suite francaise“ zu Gehör. Kollege Bottenhorn spielt den „Orpheus“ von Liszt, aber auch „Communion und Sortie“ aus der Pfingstmesse von Oliver Messiaen. „Tria sunt munera“ kommt ebenso vor wie Wagners „Grand march from Tannhäuser“ oder die Reliquienprozession „Colonia Sancta“ von Enjott Schneider. Man wird hin- und hergeführt von ganz Alt bis Neu, was sehr unterhaltsam ist. Wer in Orgelliteratur firm ist, wird viele gängige Stücke wiederfinden. Aber auch Unbekanntes wird für Überraschungen sorgen. Schließlich durfte jeder seine Lieblingsstücke mitbringen.

Nun hat der Dom „by night“ für sich genommen ja schon eine ganz eigene Faszination…

Bönig: Genau. Ich glaube schon, dass sich von diesem Dreiklang Dom, Nacht, Musik manch einer fangen lässt. Da ich meistens nachts übe und dabei viel alleine im Dom bin, weiß ich aus Erfahrung, wie dieses Gotteshaus dann an Atmosphäre gewinnt, sich diese gewissermaßen verdichtet und wie sehr diese Kathedrale dann auch nochmals ihr Wesen verändert. Da kann man richtig in ihr versinken – auch spirituell – und wird noch einmal ganz anders in diesem heiligen Raum auf sich selbst zurückgeworfen. Dieses Erleben wünsche ich auch anderen.

Was möchten Sie darüber hinaus den Menschen mit einem solchen nächtlichen „Wandelkonzert“, wie Sie es nennen, mitgeben?

Bönig: Zunächst einmal: Man darf sich bewegen, auch mal eine Pause einlegen und rausgehen. Aber auch wiederkommen. Es gibt keine zwingende Programmfolge, der man sich anpassen müsste. Und fünf Stunden sind selbst für große Orgelliebhaber eine Herausforderung. Eine solche Orgelnacht richtet sich als Einladung an Menschen, die abseits des Besichtigungstourismus nach Tieferem suchen. Von daher glaube ich, dass man in einem Wandelkonzert ganz anders gegenüber dem aufgeschlossen ist, was man da zu hören bekommt. Gleichzeitig hat man die Möglichkeit, mehr über diesen Dom und seine Orgel zu erfahren. Eine solche Nacht schafft eine ungewöhnlich konzentrierte Situation und schenkt die einmalige Gelegenheit, aus gewohnten Erfahrungsmustern auszuscheren, den Dom mit seinen jahrhunderte alten Mauern noch einmal ganz neu mit allen Sinnen zu spüren und dabei vielleicht auch etwas von seinem Geist zu atmen.

Das Interview führte Beatrice Tomasetti

 Zur Orgelnacht

Sie legen großen Wert darauf, dass dieses Oratorium als Herzensgeschichte erzählt wird. Warum?

Burggrabe: Wenn man sich fragt, was die Drei Könige auf den Weg gebracht hat, dann würde ich wie Karl Rahner sagen: Sie folgten dem Ruf ihres Herzens! Sie folgten der tiefen Sehnsucht, auf der Ebene des Herzens Gott zu begegnen, sich zu öffnen und sich berühren lassen. Das finde ich einen starken Impuls für uns heutige Menschen: Herz und Verstand zu verbinden.

Es gibt einen Cartoon, der eine Weggabelung mit zwei Wegweisern zeigt. Auf einem Schild steht das Wort „Gott“ und auf dem anderen Schild „Vortrag über Gott“. Wohin würden wir gehen? Es ist spannend und bereichernd, über etwas zu reflektieren, und wir Menschen wussten noch nie so viel wie zur heutigen Zeit. Doch dann ist es an der Zeit, die „Komfortzone“ zu verlassen und sich auf die Erfahrung selbst einzulassen.

In Anbetracht zunehmender Krisen und der Grundfrage, ob wir als Gattung Mensch mit unserem zerstörerischen Verhalten der Schöpfung gegenüber, deren Teil wir ja eigentlich sind, überleben werden, reicht es nicht mehr, das alles zu wissen. Es braucht ein Denken, Sprechen und Handeln, das einen ethischen Kompass hat, eine Haltung der Nächstenliebe und des Mitgefühls. Es geht eben nicht mehr nur um ein paar Stellschrauben, die zu justieren sind.

Ich würde sagen, es braucht einen Klimawandel im Herzen. Auch heute gibt es den Typus Herodes, der sich in vielfältiger Gestalt in den Weg stellt. Im Oratorium zitiere ich an dieser Stelle Andreas Knapp, der auf die fatale Neigung des Menschen hinweist, sich vor lauter Machtansprüchen über Gott zu erheben. Und da können die Drei Könige wieder zum Vorbild werden, sich bei allen Verirrungen und Machtverstrickungen nicht vom Weg abbringen zu lassen und dem eigentlichen Stern zu folgen.

In diesem Sinne können solche biblischen Geschichten, können Glaube und Kirche den Menschen einen großen Schatz an die Hand geben, wobei Musik noch einmal eine ganz besondere Fähigkeit hat, das Herz zu erreichen und die Tür zum unmittelbaren Erleben zu öffnen.

Dreikönigenschrein im Kölner Dom
Dreikönigenschrein im Kölner Dom

Worin äußert sich ganz konkret, dass diese Musik thematisch hier in unserem Kölner Dom verortet ist und Ihre Erzählfassung die Geschichte der Heiligen Drei Könige, über die so viel in der Bibel ja nicht geschrieben steht, aufgreift?

Burggrabe: Als ich mich an die Arbeit gemacht habe, stand vor meinem geistigen Auge immer dieser einzigartige Dom, der ein Haus aus Stein und Glas für den goldenen Schrein ist, der seinerseits wiederum ein Haus für die Reliquien der Heiligen Drei Könige ist. Mit dieser Vorstellung, dass ich in dieser Hülle – auch Klanghülle – sitze, hatte ich als Ziel die Vergegenwärtigung einer Geschichte vor Augen, die sich vor zwei Jahrtausenden ereignet hat. Denn es handelt sich um eine Weggeschichte, die immer von Neuem beginnen möchte. Der Schrein ist etwas Statisches, und so hat mich die Frage umgetrieben: Wie bekomme ich die Botschaft, die sich mit dieser prächtigen goldenen Hülle verknüpft, wieder in die Lebendigkeit? In diesem Zusammenhang ist die Musik eine wunderbar passende Kunstform. Und so hoffe ich, dass im Moment der Aufführung dieses Werkes eine Resonanz geschieht zwischen der berührenden Geschichte der Drei Könige, die in diesem wunderbaren Bauwerk ihre Heimat gefunden haben, und uns heutigen Menschen, die das Werk aufführen oder anhören.

Um was geht es dem Komponisten bei diesem Oratorium? Was ist die Kernaussage Ihres Kunstwerks?

Burggrabe: Ich möchte dazu beitragen, dass der Kölner Dom, der ganz vielen Menschen etwas bedeutet und das Herz der Stadt ist, nicht zum Museum wird, sondern eine lebendige geistliche Heimat bietet. Und dass jeder Mensch, der diese Kirche betritt, sie gestärkt wieder verlässt. Dazu tragen die Messen, die Liturgie und das Wort bei, aber eben in ganz großem Maße auch die Kraft der Musik. Mit dem Dreikönigsoratorium sollen alle Sinne angesprochen werden, denn dieses geistliche Werk lebt nicht allein vom Gesang, sondern auch vom Wort und von dem Licht, mit dem bei der Aufführung gespielt wird, um die Erzählung zu unterstützen. So entstehen ein Raum zum Nachdenken und ein Ort für Trost und Orientierung. Das Konzept einer gotischen Kathedrale besteht ja darin, das himmlische Jerusalem abzubilden und ein Gesamtkunstwerk zu schaffen, bei dem es um Resonanz geht. Im besten Fall erzeugt auch ein solches Oratorium eine Resonanz zwischen dem Bauwerk und der Komposition – und dann hoffentlich auch wiederum zwischen der Musik und den Zuhörern. Eine Kernaussage der Dreikönigsgeschichte wie auch des Oratoriums ist natürlich die Begegnung der Könige mit dem neugeborenen Kind, mit Gott selbst. Es ist bemerkenswert: Die mächtigen Herrscher knien nieder und sind offen für das Neue und für die Verwandlung.

Es heißt von den Heiligen Drei Königen, sie seien auf einem anderen Weg nach Hause zurückgegangen, was sich ja auch so deuten lässt, dass sie ihre eingetretenen Pfade verlassen und mit neuen Erkenntnissen heimkehren. Was wünschen Sie sich für die morgige Uraufführung? Wie sollten die Menschen nach Ihrer Vorstellung den Heimweg antreten?

Burggrabe: Wenn diese besagte Resonanzkette zwischen Architektur, Musik und Publikum gelingt, dann kann man eine Ahnung vom Wirken Gottes bekommen – auch mitten in unserer krisengeschüttelten Zeit. Dann wird Gottesnähe erfahrbar. Die Heiligen Drei Könige lassen ihren äußeren Reichtum an der Krippe zurück und werden innerlich umso reicher beschenkt. Sie finden am Ende Halt und Orientierung. Wenn meine Musik einen Funken davon vermitteln kann und das eine oder andere Herz berührt, hat sich schon alle Mühe gelohnt.

Das Interview führte Beatrice Tomasetti

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