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„Es braucht einen Klimawandel im Herzen“ - Uraufführung des Dreikönigsoratoriums von Helge Burggrabe


Zum ersten Mal in der Geschichte des Domes gibt es ein Auftragswerk, das auf den Ort und die Botschaft von Kölns Kathedrale zugeschnitten ist. Welche Kernaussagen der Komponist mit seiner Musik verbindet, erläutert er im Interview.

Herr Burggrabe, wenn man einen solchen Auftrag bekommt – allein schon der Titel „Dreikönigsoratorium“ hört sich ja nach etwas ganz Großem an – wo bekommt man da inhaltlich ein Pack-an? Wie sind Sie in diesen Arbeitsprozess eingestiegen?

Helge Burggrabe (Komponist): Ich habe mich sehr geehrt gefühlt, dass mir das Kölner Domkapitel einen solchen Auftrag erteilt hat. Zudem hat mich die Grundthematik der Heiligen Drei Könige, nämlich das Leben als einen Weg zu begreifen und sich nach Orientierung und Halt zu sehnen, sehr gereizt. Die Motivation dieser „Magoi“ aus dem Morgenland, aufzubrechen, um Gott in der Gestalt eines Kindes begegnen zu können, ist ja per se eine zeitlose Metapher für uns Menschen als Suchende. Am Anfang einer solchen komplexen Arbeit steht dann zunächst das Zusammenstellen eines Librettos, was etwa ein Drittel des gesamten Prozesses ausmacht und wie ein Architekturplan für das Musikstück funktioniert. In ihm werden die Dramaturgie des Werkes, der inhaltliche Erzählstrang und die Besetzung festgelegt. Dabei muss man sich fragen: Welche Figuren tragen dieses ganze Stück? Natürlich gilt es dabei auch, die Wünsche des Auftraggebers zu berücksichtigen.

Dabei habe ich mich vor allem mit Domdechant Robert Kleine und Domkapellmeister Eberhard Metternich ausgetauscht. Wir waren uns darin einig, dass dieses erste Oratorium für den Dom überhaupt eine Hommage an diese einzigartige Kathedrale sein, ihr dienen und auf ihre Besonderheiten zugeschnitten sein sollte.

Komponist Helge Burggrabe
Komponist Helge Burggrabe

Gab es denn dabei besondere Wünsche des Auftraggebers?

Burggrabe: Zu den konkreten Vorgaben gehörte die Mitwirkung der Chöre am Dom und die der Orgel. Bei der weiteren Instrumentierung war ich frei, habe sie aber in enger Rücksprache mit Eberhard Metternich festgelegt. Bei der Textauswahl war natürlich klar, dass sich die Erzählung von den Heiligen Drei Könige aus dem Matthäus-Evangelium wie ein roter Faden durch die Komposition ziehen soll, die ich dann mit lyrischen Texten von Augustinus, Karl Rahner, Marie Luise Kaschnitz, Rainer Maria Rilke oder Andreas Knapp ergänzt habe –gewissermaßen als Brückenschlag in unsere heutige Zeit.

Bei der musikalischen Gattung des „Oratoriums“ handelt es sich immer um eine „geistliche Erzählung“. In diesem neuen Werk übernimmt eine Sopranistin die Rolle der Erzählerin. Dann treten natürlich Caspar, Melchior und Balthasar auf, verkörpert von drei Solisten mit Tenor-, Bariton- und Bassstimme.

Die Botschaften von Gott gehören zur Altpartie, die den Engel verkörpert. Und dann gibt es eine Sprecherin, die vor allem die moderne Lyrik rezitiert und damit für eine zusätzliche Reflexionsebene sorgt. Alle Solistenrollen sind wunderbar besetzt. Und als Sprecherin konnten wir sogar die bekannte Filmschauspielerin Anna Schudt gewinnen, was mich außerordentlich freut.

Die Komposition besteht aus vier Teilen: Lectio, Ruminatio, Oratio und Contemplatio. Was hat man sich darunter vorzustellen?

Burggrabe: Jedes Werk braucht eine Gliederung und mir erschien die sogenannte „Lectio divina“ als stimmig. Dieser Vierschritt, mit Bibeltexten umzugehen, wie man das vor allem aus der Klostertradition kennt, bedeutet, dass man zunächst einen Text liest (Lectio), ihn dann bearbeitet und zuweilen mit ihm ringt (Meditatio oder Ruminatio), bis er zum Gebet wird (Oratio) und schließlich so im Inneren ankommt, dass er Teil der eigenen Haltung wird (Contemplatio). Was also zunächst nur äußeres Wissen ist, wird nach und nach zu einem inneren Wissen und prägt mich als Mensch. Wir sprechen dann im Deutschsprachigen in der Regel von „auswendig“ lernen. Doch passender wäre eigentlich zu sagen, etwas „innwendig“ gelernt oder „verinnerlicht“ zu haben, so wie es beispielsweise die Engländer ausdrücken: „learning by heart“. Diese über Jahrhunderte tradierte Art, Bibelworte zu verinnerlichen, sehe ich im konkreten Weg der Heiligen Drei Könige widergespiegelt: Sie brechen als Suchende auf, um Gott, dem Heiligen, in einem kleinen Kind zu begegnen, werden von diesem Erlebnis tief berührt und kehren verwandelt nach Hause zurück.

Meine Gliederung des Oratoriums besteht daher aus dem Aufbruch des Herzens (Lectio), der Herausforderung des Herzens (Ruminatio), der Berührung des Herzens (Oratio) und schließlich der Verwandlung des Herzens (Contemplatio).

Und mit diesem Vierschritt können wir als heutige Menschen in Resonanz gehen, uns mit diesen „Archetypen des Pilgerns“ identifizieren und uns genauso wie sie als Fragende und Suchende erleben, die aufbrechen, um sich berühren und verwandeln zu lassen. Zu Beginn des Oratoriums singen die Drei Könige mit den Worten von Karl Rahner: „Lasst uns auf die abenteuerliche Reise des Herzens zu Gott gehen!“ Und das bedeutet eben auch: Aufbrechen und unterwegs sein ist nicht immer nur schön und einfach. Da gibt es auch „Wüsten und Finsternisse“, wie Rahner sagt. Es bleibt aber die Hoffnung, dass wir dann immer noch wahrnehmen, dass uns ein Stern leuchten möchte.

Sie legen großen Wert darauf, dass dieses Oratorium als Herzensgeschichte erzählt wird. Warum?

Burggrabe: Wenn man sich fragt, was die Drei Könige auf den Weg gebracht hat, dann würde ich wie Karl Rahner sagen: Sie folgten dem Ruf ihres Herzens! Sie folgten der tiefen Sehnsucht, auf der Ebene des Herzens Gott zu begegnen, sich zu öffnen und sich berühren lassen. Das finde ich einen starken Impuls für uns heutige Menschen: Herz und Verstand zu verbinden.

Es gibt einen Cartoon, der eine Weggabelung mit zwei Wegweisern zeigt. Auf einem Schild steht das Wort „Gott“ und auf dem anderen Schild „Vortrag über Gott“. Wohin würden wir gehen? Es ist spannend und bereichernd, über etwas zu reflektieren, und wir Menschen wussten noch nie so viel wie zur heutigen Zeit. Doch dann ist es an der Zeit, die „Komfortzone“ zu verlassen und sich auf die Erfahrung selbst einzulassen.

In Anbetracht zunehmender Krisen und der Grundfrage, ob wir als Gattung Mensch mit unserem zerstörerischen Verhalten der Schöpfung gegenüber, deren Teil wir ja eigentlich sind, überleben werden, reicht es nicht mehr, das alles zu wissen. Es braucht ein Denken, Sprechen und Handeln, das einen ethischen Kompass hat, eine Haltung der Nächstenliebe und des Mitgefühls. Es geht eben nicht mehr nur um ein paar Stellschrauben, die zu justieren sind.

Ich würde sagen, es braucht einen Klimawandel im Herzen. Auch heute gibt es den Typus Herodes, der sich in vielfältiger Gestalt in den Weg stellt. Im Oratorium zitiere ich an dieser Stelle Andreas Knapp, der auf die fatale Neigung des Menschen hinweist, sich vor lauter Machtansprüchen über Gott zu erheben. Und da können die Drei Könige wieder zum Vorbild werden, sich bei allen Verirrungen und Machtverstrickungen nicht vom Weg abbringen zu lassen und dem eigentlichen Stern zu folgen.

In diesem Sinne können solche biblischen Geschichten, können Glaube und Kirche den Menschen einen großen Schatz an die Hand geben, wobei Musik noch einmal eine ganz besondere Fähigkeit hat, das Herz zu erreichen und die Tür zum unmittelbaren Erleben zu öffnen.

Dreikönigenschrein im Kölner Dom
Dreikönigenschrein im Kölner Dom

Worin äußert sich ganz konkret, dass diese Musik thematisch hier in unserem Kölner Dom verortet ist und Ihre Erzählfassung die Geschichte der Heiligen Drei Könige, über die so viel in der Bibel ja nicht geschrieben steht, aufgreift?

Burggrabe: Als ich mich an die Arbeit gemacht habe, stand vor meinem geistigen Auge immer dieser einzigartige Dom, der ein Haus aus Stein und Glas für den goldenen Schrein ist, der seinerseits wiederum ein Haus für die Reliquien der Heiligen Drei Könige ist. Mit dieser Vorstellung, dass ich in dieser Hülle – auch Klanghülle – sitze, hatte ich als Ziel die Vergegenwärtigung einer Geschichte vor Augen, die sich vor zwei Jahrtausenden ereignet hat. Denn es handelt sich um eine Weggeschichte, die immer von Neuem beginnen möchte. Der Schrein ist etwas Statisches, und so hat mich die Frage umgetrieben: Wie bekomme ich die Botschaft, die sich mit dieser prächtigen goldenen Hülle verknüpft, wieder in die Lebendigkeit? In diesem Zusammenhang ist die Musik eine wunderbar passende Kunstform. Und so hoffe ich, dass im Moment der Aufführung dieses Werkes eine Resonanz geschieht zwischen der berührenden Geschichte der Drei Könige, die in diesem wunderbaren Bauwerk ihre Heimat gefunden haben, und uns heutigen Menschen, die das Werk aufführen oder anhören.

Um was geht es dem Komponisten bei diesem Oratorium? Was ist die Kernaussage Ihres Kunstwerks?

Burggrabe: Ich möchte dazu beitragen, dass der Kölner Dom, der ganz vielen Menschen etwas bedeutet und das Herz der Stadt ist, nicht zum Museum wird, sondern eine lebendige geistliche Heimat bietet. Und dass jeder Mensch, der diese Kirche betritt, sie gestärkt wieder verlässt. Dazu tragen die Messen, die Liturgie und das Wort bei, aber eben in ganz großem Maße auch die Kraft der Musik. Mit dem Dreikönigsoratorium sollen alle Sinne angesprochen werden, denn dieses geistliche Werk lebt nicht allein vom Gesang, sondern auch vom Wort und von dem Licht, mit dem bei der Aufführung gespielt wird, um die Erzählung zu unterstützen. So entstehen ein Raum zum Nachdenken und ein Ort für Trost und Orientierung. Das Konzept einer gotischen Kathedrale besteht ja darin, das himmlische Jerusalem abzubilden und ein Gesamtkunstwerk zu schaffen, bei dem es um Resonanz geht. Im besten Fall erzeugt auch ein solches Oratorium eine Resonanz zwischen dem Bauwerk und der Komposition – und dann hoffentlich auch wiederum zwischen der Musik und den Zuhörern. Eine Kernaussage der Dreikönigsgeschichte wie auch des Oratoriums ist natürlich die Begegnung der Könige mit dem neugeborenen Kind, mit Gott selbst. Es ist bemerkenswert: Die mächtigen Herrscher knien nieder und sind offen für das Neue und für die Verwandlung.

Es heißt von den Heiligen Drei Königen, sie seien auf einem anderen Weg nach Hause zurückgegangen, was sich ja auch so deuten lässt, dass sie ihre eingetretenen Pfade verlassen und mit neuen Erkenntnissen heimkehren. Was wünschen Sie sich für die morgige Uraufführung? Wie sollten die Menschen nach Ihrer Vorstellung den Heimweg antreten?

Burggrabe: Wenn diese besagte Resonanzkette zwischen Architektur, Musik und Publikum gelingt, dann kann man eine Ahnung vom Wirken Gottes bekommen – auch mitten in unserer krisengeschüttelten Zeit. Dann wird Gottesnähe erfahrbar. Die Heiligen Drei Könige lassen ihren äußeren Reichtum an der Krippe zurück und werden innerlich umso reicher beschenkt. Sie finden am Ende Halt und Orientierung. Wenn meine Musik einen Funken davon vermitteln kann und das eine oder andere Herz berührt, hat sich schon alle Mühe gelohnt.

Das Interview führte Beatrice Tomasetti

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